Volksgemeinschaft und Nationalsozialismus

Die Idee der Volksgemeinschaft hat die Naturalisierung der bürgerlichen Gesellschaft zur Basis. Im Nationalsozialismus ist diese Idee nicht von Eroberung, Raub, Vertreibung und einem Antisemitismus, der in der Vernichtung endet, zu trennen.

Volksgemeinschaft? Unweigerlich werden viele beim Lesen dieses Wortes an den Nationalsozialismus denken. Dessen Exponent_innen hatten doch immerzu davon gesprochen. Ab und an trifft man jedoch auch in jüngster Vergangenheit auf Parteien, die dieser Idee nachhängen. So forderte die AfD Sachsen-Anhalt ihre Anhänger_innen letztes Weihnachten per Facebook dazu auf, über deren Verantwortung für die Volksgemeinschaft nachzudenken. In Österreich gibt es mit der FPÖ eine Partei, die seit Jahrzehnten so erfolgreich ist, wie es sich die AfD nur erträumen kann und die bis 1998 ein Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft in ihrem Parteiprogramm stehen hatte. Von der Öffentlichkeit relativ unbemerkt fand das Bekenntnis 2011 seinen Weg zurück ins Programm der FPÖ. Nun ein wenig versteckt.

Was genau soll das aber sein, eine Volksgemeinschaft? Diese Ideologie geht von der prinzipiellen Gleichheit all jener aus, die zum Volk gehören. Fatal für alle, die nicht dazu gehören. Denn diese Gleichheit nach innen geht einher mit einer Abgrenzung nach außen. Marxistisch geschulte Leser_innen werden jetzt nicht ganz zu Unrecht einwenden, in der Gesellschaft gäbe es doch unterschiedliche Klassen, deshalb sei die Ideologie ziemlicher Unsinn. Damit haben sie natürlich Recht. Leider war die Rede von der Volksgemeinschaft keine pure Propaganda, die Nationalsozialist_innen wollten sie wirklich herstellen.
Dies musste notwendigerweise in der Osteroberung und der Judenvernichtung gipfeln. Doch bevor wir zum Nationalsozialismus kommen, gehen wir ein wenig weiter zurück in der Geschichte und klären woher das alles kommt.

Die Vorgeschichte der Volksgemeinschaft

Die Idee, alle Angehörige eines Volkes seien gleich, war wie so vieles andere keine Erfindung der NSDAP. Erstmals hatte diese Vorstellung im Ersten Weltkrieg Hochkonjunktur. Man sprach damals von Wehr- und Volksgemeinschaft. Die SPD war mittendrin statt nur dabei.
Von einer internationalistischen Partei, die dem Frieden verpflichtet war, schwenkte sie 1914 auf einen Kriegskurs um und bewilligte die für das deutsche Vorhaben erforderlichen Kriegskredite. Der Dank dafür war ein Kriegssozialismus, also ein Etatismus nach Maßgabe der deutschen Kriegsführung. Zudem gab es lobende Worte des Kaisers, der keine Parteien, sondern nur mehr Deutsche erkennen konnte. Dieses Augusterlebnis und der Kriegssozialismus gingen an der SPD nicht spurlos vorbei. Im Görlitzer-Partei-Programm von 1921 sollten die natürlichen Produktionsfaktoren, die der Energiegewinnung dienen, der kapitalistischen Ausbeutung entzogen und der Volksgemeinschaft untergeordnet werden.
Neben der Sozialdemokratie propagierten völkische Gruppen, wie die Autoren der „Konservativen Revolution“ die Errichtung einer Volksgemeinschaft. Diese Ideen waren jedoch kein deutsches Spezifikum. Überall in Europa entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts Parteien, die das parlamentarische System ablehnten und für sich reklamierten, über den Parteien und deren Streitereien zu stehen. Auch 2016 ist dieser Typ von Partei wieder en vogue.

Es sind Parteien, die sich gegen das Establishment stellen, bestimmte Bereiche des politischen Systems verdammen und im Namen des Volkes tabula rasa mit den zivilisierenden Vermittlungsformen des Parlamentarismus machen wollen. Dies verweist darauf, dass die Hinwendung zu solchen Ideen nicht in einem deutschen Sonderweg, sondern in einer Tendenz des Kapitals angelegt ist, die sich jedoch zuerst in Deutschland bahn brach. Dies jedoch wieder nicht zufällig. Die liberale Phase des Kapitalismus, die durch Freihandel, Markt und Unternehmerkonkurrenz charakterisiert werden kann und mit dem Parlamentarismus verbunden war, kam ab ca. 1870 an ihr Ende. Die kapitalistische Konkurrenz drängte notwendig auf die Konzentration des Kapitals in Kartellen und Monopolen. In Deutschland trafen nun zwei Entwicklungen aufeinander, die sich als zukunftsträchtig erweisen sollten. Dem Staat kam dort nie die reine Nachtwächterfunktion zu wie in Großbritannien und zudem war das Bürgertum ökonomisch sehr schwach. Die Kapitalisierung und der Ausbau von Infrastruktur musste mithilfe von Staatsinterventionen bewerkstelligt werden. Die Ära des Imperialismus erforderte jedoch überall ein mehr an Staatseingriffen. Die deutsche Rückschrittlichkeit wurde zum Vorsprung.

Streiks und Klassenkampf wurden unter diesen Bedingungen zu einer existenziellen Bedrohung für das Fortbestehen des Kapitals. Denn die Monopole waren aufgrund ihrer Größe too big to fail. Die Arbeiter_innenbewegung musste deshalb befriedigt und integriert werden. Dazu wurde das Wahlrecht ausgeweitet und eine Sozialgesetzgebung verabschiedet, so lud man sich ein neues Problem auf: Waren in den Parlamenten während der liberalen Phase des Kapitalismus nur unterschiedliche Fraktionen der Bourgeoisie vertreten, traten jetzt auf der Ebene des Parlaments die Widersprüche zwischen den Interessen der Arbeiter_innen und denen der verschiedenen Kapitalfraktionen aufeinander. Der Klassenkampf wurde auf der Ebene des Parlaments zum Dauerzustand. In Zeiten der Monopole wurden die Parlamente damit immer mehr zum Hemmschuh, weil sie die Kapitalreproduktion störten. Schnell fanden sich Bewegungen und Parteien, die im Sinne der Erfordernisse der Kapitalakkumulation agierten und die Parlamente als Quasselbuden denunzierten, in denen nur Parteiengezänk herrsche. Im Namen von Volk oder Nation verdammten sie die Partikularinteressen der Klassenparteien. In Deutschland und Österreich begann der Siegeszug der Nationalsozialisten mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Kapitalreproduktion und Parlamentarismus widersprachen sich immer mehr und der Nationalsozialismus trat an, das Kapitalverhältnis auf seiner eigenen Grundlage zu überwinden und zu ‚retten‘.

Volksgemeinschaft ist Eroberung, Raub und Vertreibung

Die NSDAP wollte die Volksgemeinschaft, für sie war dies gleichbedeutend mit dem deutschen Sozialismus. Das Kapitalverhältnis wurde in der NS-Ideologie bewusstlos zur Natur des Menschen erklärt. Die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft wurden zu Gegensätzen der menschlichen Natur verklärt. Der Klassenkampf wurde zum Rassenkampf und der Antikapitalismus zum Antisemitismus transformiert. Wie aber nun die Gesellschaft revolutionieren, also die Volksgemeinschaft herstellen, wenn man von ihrer Natürlichkeit ausgeht?
Durch eine Revolution des Bewusstseins, eine moralische Kritik der Ausbeutung und durch Eroberung und Raub in Osteuropa. Not und Entbehrung konnten in dieser Ideologie nicht abgeschafft werden. Deshalb musste man im Rassenkampf zu den Gewinnern gehören. Nach diesen Prämissen agierten die Nationalsozialisten auch schon während des Zweiten Weltkriegs. Osteuropa wurde geplündert, um in Deutschland ein gewisses Maß an Wohlstand zu erhalten. Was nach einem Sieg der Nationalsozialisten zu erwarten gewesen wäre, lässt sich in der Tendenz deshalb schon aus der Praxis des Krieges ablesen: Noch der niedrigste Deutsche sollte über den Angehörigen anderer „Völker“ stehen. Schwere und gefährliche Arbeiten wurden an letztere übertragen. Vertreibung und Tod wurden dabei in Kauf genommen.

Der industrielle Kapitalist als Arbeiter

Wie nun aber eine Volksgemeinschaft herstellen, wenn doch die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft weiter bestehen? Dazu propagierten die Nationalsozialisten die Gemeinschaft der Arbeiter, der Schaffenden, die alle die gleichen Interessen hätten. Hier kam dem Nationalsozialismus die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft zu pass. Um dies genauer auszuführen, werfen wir einen kurzen Blick in den 3. Band des Kapitals. Im Kapitel über den Zins und Unternehmergewinn klärt uns Karl Marx über eine Ungeheuerlichkeit auf, dass sich nämlich der industrielle Kapitalist selbst als Arbeiter sieht, der in Opposition zum Zins- bzw. Geldkapital steht. Wie geht das ganze nun vonstatten? Zuerst klären wir aber einmal die Begrifflichkeit.
Was ist Zins: Zins ist ein Teil des Profits, den der fungierende bzw. industrielle Kapitalist an den Eigentümer und Verleiher dieses Kapitals wegzahlen muss. Es ist erst die Trennung der Klasse der Kapitalisten in Geldkapitalisten und industrielle Kapitalisten, die überhaupt die Kategorie des Zinses schafft und einen Teil des Profits in Zins verwandelt. Den bürgerlichen Ökonomen und nicht nur ihnen erscheint nun ein Teil des Profits, der Zins, als alleinige Frucht des Kapitals.
Der Unternehmergewinn hingegen erscheint aus dem fungieren und der aktiven Funktion des Kapitalisten zu entspringen, aus dessen Arbeit. Dieser Schein verdinglicht sich zur bürgerlichen Wirklichkeit.

Für das bürgerliche Subjekt erscheint es so, als ob ein Teil des Rohprofits dem Kapital selbst entspringe (Zins) und der andere durch die Aktivität und Arbeit des fungierenden Kapitalisten entstehe (Unternehmergewinn). Dies ist Ausdruck des Fetischismus der bürgerlichen Gesellschaft, die Dingen Eigenschaften zuspricht, die sie nur aufgrund der von Menschen bewusstlos geschaffenen und reproduzierten Gesellschaft haben. So entsteht der Wunderglaube Kapital erzeuge aus sich heraus mehr Kapital, ohne im Produktionsprozess eingesetzt worden zu sein.
Der fungierende Kapitalist wird als Arbeiter gesehen, denn seine Funktion, die Arbeiter_innen im Produktionsprozess auszubeuten, kostet den Unglücklichen Mühe, egal ob diese von ihm selbst verrichtet wird oder ob er jemand dafür bezahlt. Im Kopf des fungierenden Kapitalisten entwickelt sich die Wahnidee, sein Unternehmergewinn sei Arbeitslohn, der aufgrund der Komplexität seiner Arbeit natürlich auch viel höher ausfällt, als jener der einfachen Arbeiter_innen. Seine Funktion als Ausbeuter vergisst er in seinem Gegensatz zum Geldkapital.
Dabei nimmt der Geldkapitalist nur über das geborgte Kapital an der Ausbeutung der Arbeiter_innen teil, welche in Wirklichkeit durch den fungierenden bzw. industriellen Kapitalisten erledigt wird. Doch das alles wird nicht gesehen. Ganz im Gegenteil. Der industrielle Kapitalist erscheint vor diesem Hintergrund und im Gegensatz zum Geldkapitalisten als einfacher Träger des Arbeitsprozesses, als Arbeiter, als Lohnarbeiter. Der Ort der Ausbeutung scheint nun außerhalb der Produktion zu liegen, und soll allein vom Geldkapitalisten ausgehen. Die Ausbeutung in der Produktion durch den industriellen Kapitalisten und die ausgebeuteten Arbeiter_innen, fallen in dieser Sichtweise im Begriff der Arbeit zusammen. Soweit die Ausführungen von Karl Marx über die verkehrte Sicht der bürgerlichen Gesellschaft über sich selbst. An diese verkehrte bürgerliche Sichtweise kann der nationalsozialistische und faschistische Ausbeutungsbegriff (der sich fundamental vom marx’schen Ausbeutungsbegriff unterscheidet) andocken. Ausbeutung bedeutet für den Nationalsozialismus die Ausbeutung des schaffenden Kapitalisten und der deutschen Arbeiter_innen durch das Zinskapital.

Volksgemeinschaft und Antisemitismus

Vor diesem Hintergrund lässt sich leicht erkennen, warum die Nationalsozialistische Arbeiterpartei, den „Arbeiter“ in ihrer Parteibezeichnung mitführte. Arbeit wurde definiert wie in der bürgerlichen Ökonomie und zu schützen war sie vor der Ausbeutung durch das Geld- und Zinskapital. Dabei ging der NS über die bürgerliche Ideologie hinaus und identifizierte das Geld- und Zinskapital mit den Juden. Gleichzeit radikalisierte der Nationalsozialismus den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und erklärte das Geld- und Zinskapital zur Basis der immaginierten geistigen Herrschaft des Judentums über die Welt. Die Funktion konnte auch von Nicht-Juden ausgefüllt werden, was erkennen lässt, dass der Antisemitismus der Nazis grenzenlos war und sich immer neue Feindgruppen gesucht hätte, um das jüdische Prinzip aus der Welt zu schaffen. Was in der naturalisierten Sichtweise mit der Vernichtung der Juden und später wohl auch mit Gruppen, die als Juden identifiziert worden wären, zusammenfiel. 1945 wurde der Nationalsozialismus viel zu spät unter schweren Opfern von den Alliierten niedergerungen.

Heute agieren jene Parteien, die verdruckst von Volksgemeinschaft sprechen aus einer defensiven Position heraus. Eroberung von fremden Ländern und die Zielsetzung der Befreiung der Welt von der Ausbeutung treten hinter die fremdenfeindliche Verteidigung der eigenen Kultur zurück. Exemplarisch dafür steht die FPÖ, die das nationale Kapital von den Gängelungen der Steuerlast befreien will und den echten Österreicher_innen verspricht, dass nur mehr sie von den immer kleiner werdenden Sozialtöpfen profitieren sollen. Voller Neid und Abscheu blickt die FPÖ deshalb auf Bewegungen, die das alte Programm in modernisierter Form vertreten und sowohl Welteroberung, Almosenökonomie als auch antisemitische Verschwörungstheorien im Petto haben. Die Volksgemeinschaft heißt dort nur Umma[1].

Michael Fischer

Fußnoten:

1: Umma bezeichnet die Gemeinschaft der rechtgläubigen Muslime und ist ein zentraler Begriff expansionistischer islamistischer Bewegungen. Darunter fallen so verschiedene und untereinander verfeindete Bewegungen wie die Muslimbrüder, die Hamas, ISIS aber auch die schiitische Hisbollah oder der Iran. Diese Bewegungen verfolgen mittelfristig das Ziel der Islamisierung des Nahen Ostens. Das unrealistische, aber deswegen nicht harmlose Endziel dieser Bewegungen ist die weltweite Durchsetzung der islamischen Herrschaft.

Literatur:

  • Willy Huhn: Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus, Freiburg 2003.
  • Rainer Rotermundt: Verkehrte Utopien. Nationalsozialismus – Neonazismus – Neue Barbarei, Frankfurt 1980.
  • Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band, Berlin 2008

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